Die Gründung der Europäischen Union lässt sich auf das Jahr 1951 zurückführen, als die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) ins Leben gerufen wurde. Die Etablierung der EU war das Ergebnis linker Idealisten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit ihrer nachdrücklichen Forderung zur Abschaffung der Nationalstaatlichkeit in Europa gescheitert waren und einer Kompromisslösung nachgeben mussten. Während die sogenannte “Montanunion” anfangs nur als ein Friedensprojekt gedacht war, das unter dem Deckmantel, einen weiteren Kriegsausbruch in Europa verhindern zu wollen, lief, ist die EU mit ihren 27 Mitgliedsstaaten sechs Jahrzehnte später zu einem beisspiellosen Bürokratieapparat avanciert, der inzwischen weit über jene öffentliche Angelegenheiten der 500 Millionen EU-Bürger bestimmt, die ursprünglich beabsichtigt waren. Bis heute fehlt der EU im Vergleich zu demokratischen Nationalstaaten eine fundierte Legitimitätsgrundlage.
Die bislang unbeantwortete Kissinger-Frage, wen man anrufen müsse, wenn man mit Europa reden wolle, zeigt, wie es um die Außendarstellung der Europäischen Union bestellt ist: Es bleibt nicht ersichtlich, ob es der portugiesische Kommissionspräsident Barroso ist, der die Fäden der EU in der Hand hält oder der aus dem Rotationsprinzip hervorgegangene Regierungschef des jeweiligen Mitgliedsstaates, der die EU-Ratspräsidentschaft für ein halbes Jahr übernimmt. Vielleicht mag es sogar der ständige EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy sein, dessen Amt erst mit dem Lissabon-Vertrag eingeführt wurde und dessen Gehalt – gemessen an der Leistung – unverschämterweise das des US-Präsidenten übersteigt. Die ratlosen Gesichter bei außereuropäischen Politiker mögen nicht verwundern, wenn man in der Frage nach dem Ansprechpartner in Unkenntnis gelassen wird.
Die Evolution der Europäischen Union seit dem Ende der Gaulistischen Ära Ende der 1960er Jahre gibt allen Anlass zur Beunruhigung: Die EU hat sich immer stärker von einem Staatenverbund zu einem Bundesstaat mit weitreichenden Befugnissen entwickelt. Die zunehmende Abgabe von Kompetenzen der Mitgliedsstaaten an die europäischen Organe stellt dabei in erster Linie eine Gefahr für deren nationalstaatliche Souveränität dar. Denn die EU ist im Begriff, den Charakter einer supranationalen Institution anzunehmen und dafür gleichzeitig die historisch-kulturelle Bedeutung ihrer angehörigen Staaten zu marginalisieren. Die überstaatliche Ausprägung lässt sich gegenwärtig an der Verbindlichkeit von EU-Beschlüssen, einer autonomen Rechtsordnung, der unmittelbaren Wirkung der Rechtsakte sowie am Vorrang des Gemeinschaftsrechts beobachten.
Die Abkehr vom Intergouvernementalismus ist ein Frontalangriff auf den modernen Nationalstaat. Über Jahrhunderte haben die Völker Europas um einen souveränen Staat gekämpft, um Freiheit, Heimat und Selbstbestimmung. Doch es gibt immer mehr Anhänger einer Weltgesellschaft, die diese Errungenschaften als veraltet und nicht mehr zeitgemäß abtun. Die selbst ernannten Progressivisten bezeichnen die nationalen Verfassungsstaaten als eine Hürde zur zivilisatorischen Weiterentwicklung und verunglimpfen oppositionelle EU-Skeptiker als Nationalisten oder Faschisten.
Die Verlagerung von Zuständigkeiten auf eine höhere Ebene ist ebenso problematisch wie undemokratisch. Das Exekutivorgan der Union, die EU-Kommission, setzt sich aus 27 Kommissaren zusammen, wobei jeder Mitgliedsstaat einen Kommissar benennt. Diese Kommissare haben fast keine Inputlegitimation durch die EU-Bevölkerung, da sie ernannt und nicht gewählt werden. Weil von dieser faktischen EU-Regierung – unter anderem durch das alleinige direkte Gesetzesinitiativrecht – alle wichtigen Impulse für allgemein verbindliche Entscheidungsbeschlüsse ausgehen, ist die Kommission mit einer schier unglaublichen Anzahl von 23 000 Mitarbeitern das wohl mit Abstand mächtigste EU-Organ. Wie über die Köpfe der Menschen hinweg Beschlüsse der Kommission geltend gemacht werden, zeigt das umstrittene Glühbirnenverbot, welches fortan Händler dazu zwingt, die konventionellen Glühbirnen aus ihren Regalen zu nehmen und durch Energiesparlampen zu ersetzen.
Unter dem Vorwand, die europäische Integration voranzutreiben, ist der EU-Staat schrittweise immer größer geworden; das nationale Verfassungsrecht verlor zugleich an Stellenwert. Der Glaube der politischen Klasse an eine umfangreiche Zentralgewalt, getrieben von der Vision der Errichtung eines regulierenden Einheitsstaates – eine Art Vereinigte Staaten von Europa – deckt nicht nur gravierende Mängel in der Rechtfertigung einer solchen politischen Machtkonzentration auf, sie befördert auch die Erosion der Demokratie. Die EU ist vielmehr an einer Output-Legitimation interessiert, als an der Bedeutung des Zustandekommens von politischen Prozessen. Das Kommunikationsdefizit und damit die Entfremdung zwischen politischem Establishment und Volk findet am stärksten in der geringen Wahlbeteiligung Ausdruck. Ein Phänomen, das der britische Politikwissenschaftler Colin Crouch als einen Indikator auf dem Weg zur Postdemokratie beschreibt.
Der EU-Wahn hat schon längst eine neue Dimension erreicht. Die Ergebnisse von Volksreferenden zu EU-Verträgen wurden ostentativ ignoriert. Das Nein-Votum der Franzosen und der Niederländer zum Vertrag von Nizza im Jahr 2006 und auch die Volksabstimmung Irlands gegen den Lissabon-Vertrag wurde mit der Argumentation, Europa dürfe nicht scheitern, rücksichtslos übergangen. Weil der Nizza-Vertrag scheiterte, wurde der Nachfolgevertrag in leicht modifizierter Fassung, unter großem politischen Druck auf die nationalen Entscheidungsträger, durchgebracht und ratifiziert. Beim zweiten Anlauf umgang die EU jedoch ein demokratisches Referendum in Frankreich und den Niederlanden. Anstelle eines Aufschreis mit der Forderung, die Volksabstimmungen der Nationalstaaten zu respektieren, gab der Fraktionsvorsitzende der Sozialisten im Europaparlament Martin Schulz zu Protokoll, dass „Nein“-Abstimmungen zum EU-Vertrag dem Faschismus Tür und Tor öffnen würden.
Das wohl prestigeträchtigste Aushängeschild der EU war lange Zeit die gemeinsame Währungspolitik, die mit der Einführung des Euro in 17 Mitgliedsstaaten durch die Europäische Währungsunion (EWU) verwirklicht wurde. Ohne der Bevölkerung die Möglichkeit einer Volksentscheidung einzuräumen, schlossen sich damals fast alle EU-Staaten der EWU an. Lediglich in Schweden und Dänemark, in denen ein Referendum über den Beitritt in die Währungsunion abgehalten wurde, stemmte sich die Bevölkerung mit eindeutigem Resultat gegen die inländische Einführung einer neuen Währung.
Obwohl der Euro kürzlich seinen zehnjährigen Geburstag feierte, war aufgrund dessen hoher Instabilität bei vielen nicht zum Feiern zumute. Nicht wenige Währungskenner prophezeien den Niedergang des Euro-Experiments – und das nicht zuletzt wegen der finanziellen Umverteilungslogik der EU. Trotz der in Artikel 125 des AEU-Vertrags festgeschriebenen Nichtbeistands-Klausel, die eine Haftung der EU oder einzelner Mitgliedsstaaten für die Schulden anderer Mitgliedsstaaten ausschließt, wurde im vergangenen Jahr ein riesiger EU-Rettungsschirm von 750 Milliarden Euro gespannt, der schon bald Krisenländern wie Griechenland und Irland finanzielle Hilfen gewährte. Portugal und Spanien könnten bereits die nächsten Anfrager sein, die vom vermeintlichen Stabilisierungsmechanismus Gebrauch machen.
Die Verteidiger der Europäischen Union verweisen oft auf die gemeinsame Basis und den Wertekanon Europas. Es ist auch unbestreitbar, dass die EU-Mitgliedsstaaten über mehrere Jahrhunderte hinweg eine gemeinsame christlich-abendländische Kultur ausgeprägt haben. Und dennoch lässt sich eine zusammenschweißende kollektive Identität nicht beobachten. Laut einer Eurobarometer-Studie fühlt sich gerade einmal jeder zweite EU-Bürger neben seinem Nationalstaat auch der EU zugehörig. Es ist ein Irrglaube anzunehemen, dass Identitäten zwanghaft entstehen könnten. Man kann nicht erwarten, dass sich ganze Völker zur EU-Flagge bekennen und die EU-Hymne mitsingen. Die Identifizierung mit einer neuen Heimat kann nur auf freiwilliger Basis erfolgen.
Doch diese Signale werden von Brüssel offenbar nicht ernst genommen. Die EU-Kommission plant nämlich unterdessen schon einen Wettbewerbspakt für Europa, der wirtschaftlich erfolgreiche EU-Staaten mit einer hohen Wettbewerbsfähigkeit zugunsten von wirtschaftlich schwachen Ländern im Wachstum bremsen soll, um damit das wirtschaftliche Ungleichgewicht innerhalb der EU zu minimieren. Erinnerungen an die zentralisierte Planwirtschaft aus sowjetischer Zeit werden wach.
Die EU bezeichnet sich selbst gerne als ein “sui generis”-Gebilde, als eine einzigartige Schöpfung inmitten des europäischen Kontinents. Damit versucht sie, darüber hinwegzutäuschen, dass sie nur bedingt eine demokratische Institution ist. Nationale Volksabstimmungen werden eklatant negiert und oppositionelle Europaskeptiker als unangenehme Feinde des Systems diffamiert. Die Sehnsucht nach einer Politik des leeren Stuhls der 1960er Jahre ist größer denn je. Denn die EU ist unersättlich und will mehr sein als nur ein wirtschaftlicher Zusammenschluss von europäischen Staaten. Barroso, der zu seiner Studienzeit als überzeugter Kommunist Vorsitzender einer maoistischen Partei war, bezeichnete die EU unlängst als das erste friedfertige Reich auf Erden. Doch genau darin liegt die Gefahr für die Demokratie, denn Reiche haben historisch immer verusucht, zu expandieren.
Thomas Paine wuchs in der englischen Kleinstadt Thetford auf. Aus einfachen Familienverhältnissen stammend verließ er bereits im frühen Alter die Schule und arbeitete zunächst als Korsettmacher, bevor er anschließend in den Zolldienst eintrat. 1773 lernte er den Intelektuellen Benjamin Franklin kennen, der sich zu dieser Zeit als Repräsentant für Pennsylvania in England aufhielt, und wanderte auf dessen Rat nach Amerika aus. In Amerika angekommen veröffentlichte er im Januar 1776 seine Schrift